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Die Zeiten der fotogenen Google-Gondeln in der Lobby, sagen Experten, sind vorbei. In Zukunft werden die Büroräumlichkeiten wieder wohn­licher, kommunikativer und vor allem ökologisch behaglicher. Die aktuellen Trends im Überblick.

03 . Oktober 2018 - By Wojciech Czaja

Monsieur Hulot irrt durch die Korridore und versteht die Welt nicht mehr. Wie in einem futuristischen Ameisenhaufen rennen die Angestellten im Stechschritt von A nach B, Aktenordner vor sich hertragend, Zettel hektisch aus dem Schreibmaschinenlager reißend, die gesamte Kollegenschaft im Äther der Anonymität links liegen lassend. Die 1967 erschie­nene Kinosatire »Playtime« des französischen Regisseurs Jacques Tati ist eine Kritik an der Moderne sowie an der zunehmend charak­terlosen Gestaltung unserer Wohn- und Arbeitsräume. 

Ein Blick in die modernen Büroräume, die in den letzten Jahren entstanden sind oder sich derzeit in Planung und Entwicklung befinden, zeigt, dass das Bild der über den Kamm geschorenen Arbeiterschaft, die in ­ihren kleinen Cubicles haust und von 9 bis 17 Uhr Standardtätigkeiten verrichtet, glücklicherweise der Vergangenheit angehört.

»Von den radikalen Konzepten mit Desk-Sharing und Gute-Laune-Büros geht man heute wieder weg.« Alexander Scheuch Managing Director, Rustler Immobilientreuhand

»Früher hat man ein schönes Büro gebaut, und das war’s«, sagt Wolfdieter Jarisch, Gesellschafter und Vorstand der S+B Gruppe. »Das reicht aber schon lange nicht mehr aus. Der Markt heute verlangt nach guten, flexiblen und sozial verträglichen Raumkonzepten.« Zu den wichtigsten Faktoren zählen Lage, Nutzungsvielfalt, räumliche Behaglichkeit, eine gute öffentliche Verkehrsanbindung sowie eine hohe ökologische Qualität der Immobilie. 

»Von den radikalen Konzepten mit Desk-Sharing, Gute-Laune-Büros und Lobbys mit Flipper, Tischfußball und Google-Gondel geht man heute zum Teil bereits wieder weg«, erklärt Alexander Scheuch, Managing Director der Rustler Immobilientreuhand. Er sieht die Zukunft vor allem in kleinteiligeren und somit auch sozial und ökologisch nachhaltigen Büroimmobilien in gemischt genutzten Stadtquartieren. »Die Zeit der monofunktionalen und vor einigen Jahren noch gehypten Bürocluster, die nach 17 Uhr und an den Wochenenden ausgestorben sind, ist vorbei. Der Trend geht zu kleineren Objekten, die auch als Company-Building mit eigenem Branding nutzbar und ­in ein lebendiges, rund um die Uhr funktionierendes Quartier eingebettet sind.«

Renaissance der Klassiker

Auch Mario Stöckel, Head of Office Real Estate bei Colliers International, ortet eine Rückbesinnung auf das klassische Büro. »Ich beobachte, dass die Büros wieder ruhiger und unaufgeregter werden, dafür aber auch immer häufiger ganz praktikable Vorteile haben, etwa öffenbare Fenster, eine hochwertige Ausstattung und ausreichend Flächen für Kommunikation und informelle Meetings.« Immer häufiger, so Stöckel, fände man in größeren Büroimmobilien wie etwa The Icon am Wiener Hauptbahnhof Fahrrad-Garagen, Fitness-Center und Umkleideräume mit Duschen. Im ORBI Tower in TownTown wiederum, wo
Regus sein neues Spaces-Konzept realisiert hat, liegt der Fokus auf großen, ästhetisch ansprechenden Lounges und Cafeteria-Bereichen.

Das ist auch der Schwerpunkt der 2016 ins Leben gerufenen Büroprodukt-Serie myhive der Immofinanz. »Wir haben uns von Hotels, Coworking-Spaces und modernen Büros wie etwa Google, Apple und Trivago inspirieren lassen«, sagt Christian Traunfellner, Head ­­of Asset Management bei der Immofinanz Group. »Die 20 myhive-Standorte, die wir ­­in Europa derzeit betreiben, zeichnen sich durch hohen Service, vielseitige Infrastruktur, freundliches Design und eine lebendige, internationale Gemeinschaft aus.« Und das sieht man den Immobilien auch an. Die Atmosphäre ist an­genehm und charmant; statt einschüchternden Marmor- und Onyx-Wänden hinter dem Empfang gibt es bunte Farben, ­gemütliche Sofas und intime Rückzugsnischen. In den großen myhive-Offices wie ­etwa in den Twin Towers am Wienerberg werden auch Sonderdienst­leistungen wie Putzerei, Schneiderei und Schuhservice angeboten. »Wirtschaftlich Sinn macht ein myhive ab 10.000 Quadratmetern«, so Traunfellner, »und ab 20.000 Quadratmetern mit etwa zehn oder 15 Mietern macht es richtig Spaß.«

Büros am innovativen Holzweg

Ein großer und auch außergewöhnlicher Trend in der Bürobranche betrifft die Baustoffe. Lautete das Motto für die im Bürobau verwendeten Materialien früher noch »robust, pflegeleicht und tausendfach standardisierbar«, so kommen heute immer häufiger Immobilien auf den Markt, die mit genau diesen Traditionen brechen. Zum Einsatz kommen Lehmputze, Kalkfarben, unbehandelte Hölzer, wiederverwendeter Abbruchbeton sowie Teppiche und Textilien aus diversen Recycling-Kunststoffen. Klebstoffe, Weichmacher und chemische Farben mit entsprechend hohen Emissionen und ökologischen Fußabdrücken hingegen, die sich in vielen Standardprodukten verstecken, werden von einigen Architekten, Bauherren und Investoren bereits gezielt gemieden. Zu den in materieller Hinsicht radikalsten Büroentwicklungen in Österreich zählt das Holzhochhaus HoHo in der Seestadt Aspern, das im Frühjahr 2019 übergeben werden soll.

Der 24-stöckige Büro- und Hotelturm besteht aus tragenden Fassadenstützen - und massiven Holzdecken, die zugunsten der Behaglichkeit sichtbar belassen werden sollen. »Im Bürosegment ist der nachwachsende Rohstoff Holz noch recht neu«, sagt Caroline Palfy, Geschäftsführerin der cetus Baudevelopment GmbH, die den von Architekt Rüdiger Lainer geplanten Turm entwickelt und errichtet. »Ich bin sicher, dass wir die Kunden mit dem einzigartigen Ambiente und Raumklima überzeugen
werden.« Die Investitionskosten belaufen sich auf rund 65 Millionen Euro.

LIVING Nr. 04/2018

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LIVING Nr. 04/2018

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