Wenn Falstaff den Biersommer eröffnet 0 Kommentar(e)

Conrad SeidlConrad Seidl hat sich als Bierexperte weltweit einen Namen gemacht. Er ist der Überzeugung, dass es viele Biere gibt, die auch für Weinfans interessant sind.

Mit dem Falstaff Festival der Bierkultur beginnt der Biersommer. Da kommen große ­Marken und großartige Kleinbrauer zusammen. Klas­siker treffen auf Innovationen – und Bier­konsumenten können kosten und diskutieren.

Wer ein wahrer Bierliebhaber ist, den stört nicht Wind und Wetter. Wer kleine Brauereien im Norden Englands, im Süden Italiens, im Wes­ten Colorados, im Osten Litauens oder auch nur in einem schlecht ausgeschilderten Wiener Gewerbegebiet gesucht und gefunden hat, der lässt sich auch von einem Sommerregen nicht vom Uni-Campus vertreiben. Dort findet alljährlich das Bierfestival des Falstaff-Magazins statt.

Wenn er kann, dann ist Andreas Urban dabei: Der Schwe­chater Braumeister gehört zu den Stammgästen dieses am längsten etablierten Festivals der Bierkultur in Österreich. Und er erzählt gerne von den Abenteuern eines Hop-Heads, der in aller Welt immer ­wieder nach gut gehopften Bieren Ausschau hält.

Schließlich braut er sie selbst gerne. Es hat schon Tradition, dass es beim Falstaff-Festival immer auch ein Schwechater Bier zu kos­ten gibt, das man sonst allenfalls am Brauereiausschank bekommen kann. In früheren Jahren hat Urban meist mit leichteren, frühlingshaften Bieren von sich reden gemacht. Heuer das Kontrastprogramm: Weil das Bierfestival – bedingt durch die Fußball-WM – in den Mai verlegt wurde, brachte der engagierte Brauer aus dem großen Reich der BrauUnion ein paar Fässer Maibock aus seinem Schwechater Brauhaus mit. Es handelt sich um ein hellbernsteinfarbenes Bockbier mit 7,1 Prozent Alkohol, einer an getrocknete Früchte erinnernden Nase und einem robusten hopfenbitteren Rückgrat.

Am Stand der BrauUnion war das nicht das einzige außergewöhnliche Bier: Von Zipfer gab es neben dem Urtyp auch das elegante Pils, das Reininghaus Jahrgangs­pils und das Jubiläumsbier der Gösser Brauerei, das vor allem bei den Feiern zum Brauereijubiläum im Zentrum stehen wird.

Innovationen und Trends
Damit sind schon zwei Trends aufgezeigt, die die Falstaff Festivals der Bierkultur in den letzten Jahren immer spannender gemacht haben: Erstens kommen immer öfter die Braumeister, die die Biere brauen, auch selbst zur Veranstaltung, um ihre Produkte mit dem exklusiven Kreis von Falstaff-Lesern zu diskutieren. Zweitens bringen die Brauereien nicht nur ihre Mainstream-Biere mit. Das hat vor allem deshalb Sinn, weil die Bier-Innovationen ja nicht jedermanns Sache sind: Biertrinker, die für sich das ideale Produkt gefunden haben, sind ja nicht die primäre Zielgruppe für neue Biere. Es spricht ja nichts dagegen, wenn jemand meint, dass das Ottakringer Helle genau seinen Geschmack trifft – und tatsächlich gab es eine Gruppe von Fans, die fast den ganzen Abend über beim Ottakringer-Ausschank ausharrten, weil sie genau dieses Bier so gerne mögen. Andererseits sind gerade die Falstaff-Leser gewohnt, geschmackliche Seitensprünge zu machen.

Keine schlechte Idee also, dass die Zwettler Brauerei nicht nur ihre lange bekannten Biere mitgebracht hat, sondern auch das neue Saphir-Pils. Für dieses nach norddeutschem Geschmack herb und trocken eingebraute Bier hat Braumeister Heinz Wasner eine neue deutsche Hopfenzüchtung verwendet – und Brauereibesitzer Karl Schwarz hat sie auf dem Festival mit großem Stolz präsentiert und mit den Gästen diskutiert. Ein paar Stände weiter stand der Stiegl-Braumeister Christian Pöpperl und wieder ein paar Meter daneben Matthias Schnaitl von der gleichnamigen Brauerei in Eggelsberg-Gundertshausen sowie Karl Trojan von der Schremser Brauerei.

Da kommt man rasch ins Fachsimpeln – noch dazu, wo einige Absolventen der Brauerfakultät der TU München in Weihenstephan den Weg zum Uni-Bräu in Wien gefunden haben. Dabei stießen sie auf einen alten Kommili­tonen: Beim Festival präsentierte sich erstmals Sebastian Bittmann den Fans der 1516 Brewing Company – er wird in diesem mehrfach ausgezeichneten Brewpub (das auf dem Festival mit Brombeer-Bier und Hop-Devil vertreten war) künftig als Braumeister tätig sein.

Und noch ein weiterer Trend wurde bei dem Festival auf dem Uni-Campus deutlich: Die Bierbrauer bringen nicht nur die eigenen Biere mit, sie arbeiten konsequent zusammen. Bei Villacher und Schleppe ist das aufgrund der Eigentümerstruktur nicht so überraschend: Dort nutzt man längst die unterschiedlichen Betriebs­größen der Villacher Brauerei in Villach und der viel kleineren Schleppe-Brauerei in Klagenfurt, um differenzierte Biere anzubieten. Aber im Mühlviertel haben ganz unterschiedlich strukturierte eigenständige Brauereien gelernt, eine sinnvolle Kooperation aufzubauen: So gab es etwa auf dem Stand der Stiftsbrauerei Schlägl auch die Spezialitäten der Brauerei Hofstetten und der Braukommune Freistadt zu kosten.

Oder, noch eine Stufe kleiner: Das Gratzer-Bräu hatte für seinen Auftritt gleich auch die Biere mehrerer anderer steirischer Kleinbrauereien mitgenommen: Auffallend vor allem das schokoladig schmeckende dunkle Bier der Brauerei Moarpeter, von dem es nur wenige Flaschen gab, die dafür umso begeistertere Fans gefunden haben.

Schließlich gab es auf dem Festival auch ein Jubiläum zu feiern: Gerhard Forstner von der kleinen Handbrauerei Forstner in Kalsdorf bei Graz betreibt sein kleines, aber feines Unternehmen jetzt seit genau zehn Jahren. Damit das auch in Erinnerung bleibt, hat er einen Jubiläumssud und ein Buffalo Barrique – ein kräftig gehopftes, im Holzfass gereiftes Ale – vorgestellt. Doch das ist eigentlich schon wieder eine andere Geschichte.


von Conrad Seidl

aus Falstaff 05/2010

Erstellungsdatum: 22.06.2010

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