Das Muffton-Mysterium 0 Kommentar(e)

Was früher als Korkfehler erachtet wurde, stellte sich als gravierendes Problem im Keller von Ducru Beaucaillou heraus.

Liebhaber stellten bei den Jahrgängen ab Ende der Siebzigerjahre bis zu den ersten Jahrgängen der Neunzigerjahre ganz speziell bei den Weinen von Ducru-Beaucaillou im wachsenden Maße eine Art Muffton fest, der den Genuss der Weine stark beeinträchtigt. Oft wurde ein Korkfehler reklamiert, man ­musste mehrere Flaschen eines Jahrgangs aufmachen, um eine halbwegs korrekte ­Flasche zu finden. Solange die Weine noch jung und voll Primärfrucht waren, war der Defekt durch Verkos­tung nicht zu erkennen. Je länger die Weine jedoch auf der Flasche reiften, umso deutlicher kam der Fehlton zur Geltung. Heute weiß man, dass es keineswegs an den Korken selbst gelegen hat, eine sensorische Verbindung allerdings gibt es sehr wohl: Des unangenehmen Rätsels Lösung sind die Chlor­anisole. Erst seit knapp drei Jahrzehnten kennt man auch deren Verursacher: 2,4,6-Trichlor­anisol (TCA). Diese Substanz bewirkt schon in kleinsten Dosierungen einen muffigen, an nasse Kartons erinnernden Ton im Wein.

Die diesem Fehler zugrunde liegenden Stoffe können bereits auf natürliche Weise in der Korkrinde vorkommen. Chloranisole entstehen durch die sogenannte mikrobielle Methylierung aus Chlorphenolen und gelangen in der Regel über den Flaschenkorken in den Wein. Andere Möglichkeiten sind die im Zuge der Wein- oder Korkenherstellung eingesetzten chlorhaltigen Reinigungs-, Desinfektions- und Konservierungsmittel. In einem Weinkeller können Chloranisole durch mikrobielle Tätigkeit aus vorhandenen Phenolen, Chlorphenolen (z. B. dem Holzschutzmittel Pentachlorphenol) oder Chlorbenzolen entstehen. Das Problem ist, dass man heute bei Weinen aus der belas­teten Periode a priori nicht wissen kann, was einen erwartet. Mit etwas Glück bewegt sich die Dosis unter der Wahrnehmungsgrenze, mit etwas Pech ist der Fehlton deutlich bemerkbar. Es ist kein Geheimnis, dass Kenner dieser Problematik Weine nach 1979 und vor 1995 bei Ducru-Beaucaillou sicherheitshalber konsequent meiden. Ducru-Beaucaillou ist nicht das einzige betroffene Weingut, Insider sprechen in Bordeaux von Problemen bei jedem zehnten Wein. Im Unterschied zum Gros der Betriebe hat man bei Ducru-Beaucaillou reagiert, als man sich über die Fehlerquelle im Klaren war. Der Chai wurde von Grund auf neu gebaut, um jeden erdenklichen Chloranisol-Eintrag für alle Zukunft ausschließen zu können.

Erstellungsdatum: 01.01.2010

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