»Billigweine aus Italien sind passé«

Gianni Fabrizio, Kurator des Gambero RossoGianni Fabrizio, Kurator des Gambero Rosso / Foto: beigestellt

Gianni Fabrizio ist seit vier Jahren verantwortlicher Kurator für den Gambero Rosso und verkostet selbst viele der Weine. Der Gambero Rosso erscheint seit 25 Jahren und ist trotz vieler Konkurrenten nach wie vor der maßgebliche Führer durch die Weinwelt Italiens.

FALSTAFF: Italienischer Wein ist besser denn je. Sind Sie damit einverstanden?
Gianni Fabrizio: Die italienischen Weine sind heute weit besser als vor 30 Jahren. Ich sehe die Entwicklung unbestritten positiv. Es gibt vielleicht hin und wieder die Sehnsucht nach dem Geschmack eines Weins, wie er vor 30 Jahren war, aber das ist pure Nostalgie, das waren damals einige wenige Weine. In der Masse hat sich das Qualitätsniveau ungeheuer gesteigert. Es haben sich viele Gebiete entwickelt, die vor 30 Jahren nur Weine für den lokalen Konsum erzeugten. Es entwickelten sich Sorten, die vor 30 Jahren wenig bekannt waren oder kaum angebaut wurden.

Im Ausland heißt es immer wieder, der italienische Wein sei zwar viel besser geworden, aber zu kompliziert und vor allem zu teuer.
Wenn wir von kleinen Gebieten sprechen, in denen große Weine erzeugt werden, kann der Preis nie niedrig sein. Die einzigen Regionen in Italien, in denen es möglich ist, Weine zu niedrigen Preisen zu erzeugen, sind bestimmte Gebiete in Sizilien, die Maremma, Apulien, das Gebiet um Benevento. Dort finden wir noch den viel gesuchten guten Wein zum günstigen Preis. Insgesamt sind die Produk­tionskosten in Italien aber gestiegen, und die großen Weine für drei Euro gibt es nicht mehr. Italien ist da gegenüber anderen Mitbewerbern sicher ins Hintertreffen geraten. Wir müssen international klarmachen, dass Italien nicht länger ein unbegrenztes Reservoir für Billigweine ist. Auf der anderen Seite müssen wir auch den Produzenten sagen, dass nicht in allen Regionen Weine für 20 Euro und mehr erzeugt werden können. Da sind einige Produzenten auf dem Irrweg. Denen müssen wir sagen, dass auch der gute Wein für den alltäglichen Genuss, der nicht 18 oder mehr Euro, sondern fünf Euro kostet, ein großartiger Wein ist, auf den man stolz sein kann.

Welches sind für Sie die spannendsten ­Regionen für die Zukunft? 

Da gibt es viele. Die Ostküste Siziliens um Pachino und Noto und die Hänge am Ätna. Oder das Cilento in Kampanien, auch wenn es dort nur wenige Betriebe gibt. Großes Potenzial sehe ich auch im Gebiet um Benevento. In Apulien sind es Salento und Gioia del Colle; im Piemont ist es Astigiano, wo die Barbera-Traube wunderbare Weine hervorbringt. Oder auch ganz im Norden, der ­Vinschgau und das Eisacktal, dort entstehen einige der tollsten Weißweine Italiens. Sehr spannend finde ich die Entwicklung in der Irpinia, also dem Gebiet um Avellino, wo es drei großartige Sorten gibt – Aglianico, Greco und Fiano –, dazu noch viele bedeutende Produzenten. Aber selbst schon bekannte Regionen in der Toskana wie etwa Chianti Rufina, Pomino oder Carmignano haben noch viel Potenzial.

Das Interview führte Othmar Kiem.
Aus Falstaff Nr. 6/2012

Erstellungsdatum: 28.08.2012

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