Große Eleganz in der Nase

Peter HämmerleKolumnist Peter Hämmerle ist für seine »geistreichen« Kommentare zur Welt der Brände und Spirituosen bekannt

Bei der Falstaff Spirits ­Trophy wer­den Destillate konsumentenorientiert bewertet. Der erste Gesamtsieger ist Hans Reisetbauer.

Große Eleganz in der Nase und süßlich-pikante Geschmeidigkeit am Gaumen, ein würziges Duftbild von Zimt, Piment, Marzipan und Lakritze, im Abgang auch Kakao, Tabak und Tee – so entfaltet sich der beste ­österreichische Fruchtbrand, der bei der Falstaff Spirits Trophy ermittelt wurde. Es ist ein Elsbeerbrand – bekanntlich geht Destillaten aus dieser Frucht unter Liebhabern ohnehin ein sagenhafter Ruf voraus –, und er stammt von Hans Reisetbauer. Er ist der erste Fals­taff-Meisterbrenner, der Gesamtsieger der Falstaff Spirits ­Trophy.

Wenn ein kleines Land wie Österreich über solch exzellente Brenner verfügt – von denen es noch mindestens ein weiteres Dutzend und darüber hinaus viele andere gibt, die ebenfalls Hervorragendes brennen –, dann ist das Grund genug, sich nachhaltig mit diesem Thema zu befassen. Falstaff hat daher erstmals eine österreichweite Vergleichsverkostung für Destillate ausgeschrieben. Die Ergebnisse der Falstaff Spirits Trophy wurden im »Falstaff-Weinguide« veröffent­licht, wo sie in Zukunft einen ­Fixplatz haben werden.

Falstaff Spirits Trophy
Falstaff will mit diesem Fokus auf österreichische Fruchtbrände nicht nur der beachtlichen Dynamik in der Szene Rechnung tragen, es soll in erster Linie ein Service für die Leser sein. Die Art der Verkostung und Bewertung ist konsumenten­orientiert: Punkte und Auszeichnungen werden für Destillate vergeben, die in ihrer Gesamtheit organoleptisch überzeugen. Es gibt bei der Verkos­tung keine Wertungen für Sauberkeit, Typizität und dergleichen, um am Ende nur zu einer addierten Summe von technischen Parametern zu gelangen. Diese könnte nicht viel mehr als Fehlerfreiheit garantieren, was für uns eine Grundvoraussetzung, aber kein ­geschmackliches Bewertungskriterium ist.

Betrachtet man die Brennereien, die es unter das beste Dutzend ­geschafft haben, fällt neben den hohen Qualitätsstandards dieser Betriebe vor allem deren Verschiedenheit auf. Alleine die drei Erst­gereihten könnten in Bezug auf Größe und Zugang kaum unterschiedlicher sein, und dennoch vereint sie die gelungene Performance beim Brennen herausragender Des­tillate. Die positiven Eigenschaf­­ten verdichten sich in besonderer Weise bei Hans Reisetbauer, der nicht nur sein Handwerk perfekt beherrscht, sondern glücklicherweise auch ein großer Kommunikator seiner Kunst ist. Das bringt dem österreichischen Fruchtbrand auch jenseits der Staatsgrenzen langsam seinen guten Ruf ein. Es ist nämlich erstaunlich, wie wenig verbreitet das Wissen über Brände selbst in Ländern wie Italien oder Frankreich ist, wo sie immerhin eine lange Tradition haben. In den USA kennt man bestenfalls den Begriff Schnaps, hat aber kaum eine Vorstellung von seiner Qualität, eher ein vages Bild von urtümlichem Stammesverhalten.

Gesamtsieger Reisetbauer
Was Hans Reisetbauer auszeichnet, ist sein Wille, alle Aspekte der Produktion zu kontrollieren. Aus diesem Grund ist er mittlerweile unter Kollegen ein gesuchter Lieferant für ausgezeichnetes Obst. Viele Tausend Bäume hat er schon gepflanzt, weil er der Überzeugung ist, dass er nur auf diese Weise zur gewünschten Qualität kommt.

Die Zweit- und Drittplatzierten Hämmerle und Wöhrer

Auch die Zweit- und Drittplatzierten der Betriebswertung wissen um diesen Umstand. In ihre besten Brände kommt nur Top-Ware, jedoch aus unterschiedlichen Motiven. Beim Betrieb von Gebhard Hämmerle ist es eine hehre Tradition, dass man stets eine beson­ders gute Linie brennt, das »Herzstück«. Die Brennerei gehört in Wahrheit zu den größten in Österreich und deckt mit ihrem Sortiment unter verschiedenen Marken das gesamte Qualitätsspektrum ab, bis hin zum Jagertee – der übrigens sehr gut sein soll. Für Manfred Wöhrer hingegen ist das Brennen vielmehr ein Sport, einer, den er mit viel Verve betreibt. Der ehemalige Bauunternehmer gehört zu den rührigsten in der Szene – und zu den beliebtesten. Alle miteinander sind sie ausgezeichnete Verkoster, denn nur wer gut analysieren und vergleichen kann, ist auch in der Lage, etwas zu verbessern.

Verkostung
Bei allem Bemühen, möglichst gut nachvollziehbare Bewertungen zu treffen, ist dennoch völlig klar, wie sehr Verkoster auf ihr subjektives Urteil angewiesen sind. Bei der Falstaff Spirits Trophy wurden sämtliche Brände aus drei unterschiedlichen Gläsern probiert – zur Wahrnehmung des Gesamt­eindrucks ist das wesentlich. Die ­Destillate präsentieren sich in unterschiedlichen Gläsern mindestens so verschieden, wie man das vom Wein kennt. Außerdem verändern sich Destillate mitunter deutlich. Es ist daher auch möglich, einen Brand in einem momentanen Hoch oder auch Tief zu verkosten und folglich mit der Bewertung danebenzuliegen. Völlig unterschätzt wird beim Schnaps übrigens die Korkproblematik. Kork wird als solcher kaum erkannt, selbst wenn er den Brand schon wesentlich beeinträchtigt hat – wirklich ­offensichtlich wird dies meist nur im Vergleich mit einer korrekten Flasche.


Drei der besten Destillate


96
Hans Reisetbauer, Elsbeere 2007
Sehr elegante Aromatik im Duft, vielschichtig gewürzig, Zimt, Piment, Marzipan, Lakritze, dahinter auch kühle Stilistik angedeutet; analog am Gaumen, wieder viel Dichte, Struktur und Tiefe, mit charmantem Schmelz; Kakao, Tabak und schwarzer Tee im Abgang.

93
Privatbrennerei Gebhard Hämmerle,
Mispel 2008
Lebendige, ledrig-bräunliche Aromatik mit mentholigen und marzipanigen Anklängen, nussig-rös­tig; animierend auch am Gaumen, mit schöner Würze, Kraft und Länge.

92
Garagenbrenner Wöhrer, Marille 2009
Delikate, süßliche Nase, floral unterlegt, reif und vielschichtig im Ausdruck; auch am Gaumen sehr typisch, präsent und anhaltend.


von Peter Hämmerle

aus Falstaff 05/2010