Die Reifeprüfer
Thomas Maurer und Florian Scheuba finden, dass Künstler nicht nur vom Applaus leben, sondern dazu auch was Gescheites essen und trinken sollen
Wir klagen an!
Und zwar Sie. Ja, genau Sie, schauen Sie nicht so fragend! Und Sie auch. Sie alle.
Sie alle haben nämlich mit keinem Wort, keinem Glückwunschtelegramm, keinem Geschenkekorb darauf reagiert, dass wir in der letzten Ausgabe unsere fünfzigste Kolumne veröffentlicht haben. Zugegeben, wir haben das auch erst nachträglich mitbekommen, aber wir sind auch Künstler! Unsere Kreativität duldet keine kleinliche Erbsenzählerei! Aber von Ihnen hätten wir uns schon ein bisschen mehr erwartet.
Nein, jetzt brauchen Sie auch nicht mehr zu reagieren. Das würde so wirken, als hätten wir um Aufmerksamkeit gebettelt, nein, danke, bemühen Sie sich nicht, vorbei ist vorbei. Als kleinen Ausgleich haben wir beschlossen, uns selbst etwas
zu schenken, indem wir uns den allen satirischen Autoren tief eingewurzelten Wunsch erfüllen, mit einem Text eine Lawine empörter Leserbriefe loszutreten.
Das ist im Falstaff natürlich ungleich schwieriger als sonst wo, ist doch die Leserschaft mehrheitlich durch verfeinerten Genuss pazifiziert und reagiert häufig auf Dinge, die sie ablehnt, lediglich mit einem abgeklärten, das gleichzeitige Nachschenken des Weinglases akkordierenden Seufzer. Tatsächlich ist es uns an dieser Stelle erst zweimal gelungen, ein Aufreger-Thema zu finden: Einmal ging es um die Vorhaut Jesu Christi, das andere Mal um Leo Hillinger.
Denkbar unterschiedliche Gegenstände, deren Provokationspotenzial uns auch unterschiedlich stark überrascht hat. Daher wollen wir diesmal auf Nummer sicher gehen und ein Thema wählen, bei dessen öffentlicher Erwähnung jedes Mal der Bär los bzw. Fritz Neugebauer von der Kette gelassen ist: der österreichischer Lehrer.
Geplant wäre folgende Pointe gewesen: Liebe Kinder, der Text endet hier, wir gehen jetzt in die bezahlten Sommerferien und sehen uns im September wieder.
Tja.
Wir wollen die Lehrergewerkschafter unter Ihnen nicht davon abhalten, bereits jetzt geharnischte Protestschreiben zu verfassen, aber leider konnten wir, wie Sie schon daran merken, dass hier etwas und nicht nichts steht, unseren Plan nicht umsetzen. Der Verlag hat sich leider geweigert, unsere Sommerferien zu bezahlen, und damit ist irgendwie der Witz von dem Witz weg.
Außerdem kommt bei Sommerferien-Lehrer-Witzen immer gleich das Gegenargument: »Und die ganze Lehrerfortbildung? Darüber redet keiner!« »Keiner außer Maurer und Scheuba!«, wird es in Zukunft heißen müssen. Denn was mussten wir kürzlich einer im »Standard« veröffentlichten OECD-Studie zu diesem Thema entnehmen?
Die Fortbildungsverpflichtung für Pflichtschullehrer habe dazu geführt, dass sich viele »fortbildungsresistente Lehrer« in »Alibiaktionen« etwa zum »Wein- oder Käsesommelier« ausbilden lassen. Nun ist nicht zu bestreiten, dass eine Ausbildung zum Käsesommelier pädagogisch äußerst nützlich sein kann, wenn es etwa darum geht, zu ermitteln, wer es war, der böswillig sein Quargelbrot hinter den Heizkörper im Turnsaal geklemmt hat. Und auch dagegen, dass die Weine, die von der Lehrerschaft zur Dämpfung des Burn-out-Syndroms eingenommen werden, kundig ausgewählt sind, kann wohl nur ein Pädagogenhasser etwas haben.
Allerdings ist es eine beunruhigende Perspektive, dass sich demnächst verstärkt Lehrer als Sommeliers wiederfinden könnten. Empfindliche Seelen haben ja bei dieser Form des Bestellens schon bisher Prüfungsangst empfunden. Wenn aber jener elitäre, höhnische und besserwisserische Menschenschlag, der sein natürliches Habitat in den Lehrerzimmern unserer Elitegymnasien hat, jetzt auch noch Jahrgänge und Käseregionen abprüft, dann prost, Mahlzeit!
Immerhin müssen wir nicht befürchten, von Fritz Neugebauer beschieden zu bekommen, was wir alles nicht bekommen, obwohl es auf der Karte steht. Der ist Gott sei Dank als Gewerkschafter von jeder vernünftigen Erwerbsarbeit freigestellt.
von Thomas Maurer und Florian Scheuba
aus Falstaff 05/2010



