Die Regel bestätigt die Ausnahme
Der Schweizer René Gabriel zählt zu den profiliertesten Weinkennern Europas. Mit spitzer Feder kommentiert er die humorvollen Facetten der Weinwelt
Nach einem Winzerbesuch am Bielersee fuhren wir – aufgrund einer Empfehlung – in eine urige Bergwirtschaft. Wir wollten dem zuvor verkosteten Pinot Noir treu bleiben und blätterten mit diesem Vorsatz in der kleinen, aber doch gut bestückten Weinkarte.
»Was meinst du zu einem Burgunder vom Jahrgang 1995?«, fragte mein Freund. »Das wäre ein sehr guter Jahrgang«, bemerkte ich. »Es wäre ein Vosne Romanée les Malconsorts«, fuhr mein Freund fort. Da ich früher oft im Burgund war, wusste ich, dass diese Lage südlich an die noch wesentlich berühmtere Monopollage von Romanée-Conti, La Tâche, angrenzte. Früher trank ich ein paar Mal Weine von verschiedenen Produzenten aus der Lage Les Malconsorts und hatte dabei angenehme Erinnerungen: Missery, Domaine du Clos Frantin und Henry Lamarache. Hierbei handelte es sich um den Produzenten Sylvain Cathiard. Von diesem Winzer hatte ich noch nie einen Wein getrunken. Aber gerade kürzlich war mir eine Mail von einem Broker mit neueren Jahrgängen zugeflattert, und ich hatte über die hohen Preise gestaunt. Also musste das doch eher einer von der oberen Côte-d’Or-
Liga sein. Ich kombinierte: guter Jahrgang,
prestigeträchtige Appellation, bekannte Lage, Premier Cru, vielversprechender Produzent, günstiger Preis.
Es gab also sechs gute Gründe, diesen 1995 Vosne Romanée les Malconsorts von der Domaine Sylvain Cathiard zu 80 Franken zu bestellen.
Der Wein wurde vom Kellner eingeschenkt. Ziemlich hell, mehr orange als rot. Die Nase, ja wo war denn die Nase? Meine war oben, aber unten war keine. Nur etwas vertrockneter Humus, reife Hagebutten (die riechen auch nach fast nichts). Und getrocknete Tomaten, aber nicht im aromentransportierenden Öl, sondern jene, die furztrocken aus dem Karton stammen. Ach ja, und auch etwas Karton. »Der Wein braucht wohl Luft, um seine inneren Geheimnisse freizugeben«, sagte ich etwas enttäuscht zu mir selbst und aß zuerst den Salat. Rund eine Viertelstunde später nahm ich einen zweiten Anlauf – das Bouquet hatte zugelegt. Um etwa zehn Prozent. Insgesamt ein homogenes, diskretes Nichts von zu wenig Duft, Pinot Noir, Burgund und möglicher Terroirexpression. Das kannte ich schon von anderen Gelegenheiten. Es gibt nämlich Weine, die enttäuschen in der Nase und überschlagen sich dann förmlich am Gaumen. Ich hoffte inbrünstig, dass dieser Les Malconsorts genau so einer war. Hoffnungsvoll führte ich einen relativ großen Schluck über die Zunge, um ja nichts zu verpassen. Am Gaumen war der Wein relativ gut balanciert – auf tiefem Niveau! Wenig Säure, wenig Körper, wenig Tannine, wenig Aroma. Alles sehr anonym. Alles sehr bescheiden. Alles sehr enttäuschend.
Wieder – einmal mehr – ein an sich, von den Faktoren her, vielversprechender Burgunder, der dann maßlos enttäuschte. Burgund ist und bleibt halt kräfte- und budgetverschleißender Masochismus. Ich bin ein bekennender Pinot-Noir-Fan, und meine legendärsten Begegnungen mit dieser Rebsorte hatte ich immer im Burgund. Und deshalb werde ich, trotz dieser neuerlichen Enttäuschung, wohl immer wieder reifere Burgunder bestellen und jüngere Burgunder für meinen Privatkeller kaufen. Man(n) muss lieben, bis es wehtut.
von René Gabriel
aus Falstaff Nr. 07/2011
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