Bordeaux: Premier oder Cru Bourgeois?
Der Schweizer René Gabriel zählt zu den profiliertesten Weinkennern Europas. Mit spitzer Feder kommentiert er die humorvollen Facetten der Weinwelt
Rein rechnerisch verfügen die Premiers Grands Crus über das beste Terroir im Bordelais. Rein rechnerisch deklassiert niemand so viel wie die oberste Liga in anonymen Drittwein und in immer teurer werdenden Zweitwein. Meist macht der »Grand Vin« weniger als die Hälfte der Gesamtproduktion aus. Die Premiers haben das größte Alterungspotenzial und leisten sich aus diesem Grund auch einen sehr großen, wenn nicht gar hundertprozentigen Anteil an neuen Barriques. Also drehen wir den Spieß um für die Betrachtung aus der Sicht eines Cru Bourgeois. Rein rechnerisch verfügen die bürgerlichen Gewächse über ein bescheideneres Terroir. Rein rechnerisch deklassieren die Bourgeois-Winzer nur einen kleinen Teil der Ernte – in der Regel zehn bis 30 Prozent. Weil das Potenzial als etwas weniger langlebig eingestuft wird, benutzt man in diesem Fall auch nur etwa ein Drittel neue Barriques und verwendet für den Rest eine Zweit- respektive Drittbelegung. Im Fall von gewissen Châteaux bleibt sogar ein Teil für den Ausbau im Betontank bis zur Abfüllung zurück. Also schlägt – technisch betrachtet – eine gewaltige Differenz zugunsten der Premiers Grands Crus gegenüber den Crus Bourgeois zu Buche.
1:0 für die Premiers! Und trotzdem kann die Differenz dann letztendlich doch nicht ganz so groß sein. Alle arbeiten irgendwie genau gleich. Die Klimaerwärmung verhilft den bescheideneren Terroirs in den letzten Jahren zu noch nie da gewesenen Qualitäten. Das Wichtigste ist der Zeitpunkt der Lese, genauer gesagt: die physiologische Reife des Traubengutes. Gelingt es einem Winzer, die Tannine auf einem möglichst hohen Reifegrad zu erwischen, dann kann er im Keller »mehr Gas geben«: längere, gekühlte Standzeiten (falls überhaupt), höhere Gärtemperaturen, längere Mazeration. Die Art der Vinifikation ist heute vielmehr eine Stilfrage (modern oder artisanal?) als eine Qualitätsfrage. Die technischen Möglichkeiten sind enorm. Die Frage ist nur, wie man diese Dinge einsetzt, welche Techniken dem Wein wirklich etwas mehr bringen und wo das Limit all dieser Elemente einzustufen ist.
Ist der Unterschied wirklich so klar?
Ein Premier ist von der physikalischen Gaumenwahrnehmung her meist feiner als ein Cru Bourgeois. Wahre Weinkenner schätzen gerade diese Finessen. Andere bevorzugen Weine mit Ecken und Kanten. Degustiert man solche Weine blind gegeneinander, so fällt das Preisgefüge gänzlich weg, und man verkostet dann primär nach den ganz persönlichen Vorlieben. Vor Kurzem erst haben wir mit Profis und privaten Weinliebhabern eine seriöse Blindverkostung gemacht. Alle Premiers aus Pauillac gegen den Rest der Appellation. Es war für mich enorm schwierig, die Luxusgüter herauszuschnüffeln und beim Verkosten zu absorbieren. Aber – ich habe es geschafft. Zugegeben, es war extrem schwer, weil die wahrnehmbaren Differenzen überaus klein waren. Und dies nach immerhin zehn Jahren, denn es wurde ausschließlich der Jahrgang 2001 verkostet. Wir werteten die ganze Probe aus, und wer gewann? Ein Premier? Nein. Es war der Pirat – der 2001er Gruaud-Larose! Von diesem Saint-Julien-Weingut behaupte ich schon seit vielen Jahren, dass dessen Wein unter den noch erschwinglichen Bordeaux-Grands-Crus permanent einer der besten ist.
Einen Durchschnittswert von 17.96/20 erreichte Château Pibran. Das ist ein bemerkenswerter Cru Bourgeois, der auch schon den Coupe des Crus Bourgeois gewann. Der Momentanerfolg mag am relativ hohen Merlot-Anteil (50 Prozent) gelegen haben. Deshalb war der Wein an diesem Tag auch derart präsent. Er lag an fünfter Stelle, vor den noch verschlossenen Latour und Lafite – notabene. Und der Zweitwein Carruades wurde von den Testern höher eingestuft als der Grand Vin de Lafite-Rothschild – auch wieder ein Zeichen der momentanen Reife.
Premiers sind nicht immer die Besten
Und hier sind wir bei einer weiteren Aussage, die mir sehr wichtig scheint: Lieber einen etwas kleineren, dafür reifen Wein trinken als an einem großen, vielversprechenden Wein herumkauen. Eigentlich wissen ja sehr viele Leser und Weinfreunde, dass die Premiers nicht immer die besten Weine sind, dass ein Deuxième nicht immer besser ist als ein Cinquième, dass ein Quatrième besser sein kann als ein Troisième – und dass es mittlerweile sehr viele Crus Bourgeois gibt, die heute fraglos in ein Bordeaux-Grand-Cru-Klassement gehören würden. Man weiß es – aber man will es partout (noch) nicht wahrhaben. Niemand bezahlt zu viel, wenn er einen gut bewerteten Cru Bourgeois kauft. Jeder bezahlt zu viel, wenn er einen bekannten Grand Cru kauft. So einfach ist die Analyse! Das Auge trinkt mit.
Doch nun eine mögliche Antwort auf die Frage nach der möglicherweise verminderten Lebensqualität, falls ich auf die Premiers und Co. in Zukunft verzichten müsste. Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich jedes Jahr alle wichtigen Bordeaux verkoste. Die Elite ist aber für die Leser (und auch für mich) schon lange nicht mehr so spannend wie die Jahrgangsüberraschungen und neuen Entdeckungen.
Seit mehreren Jahren kaufe ich persönlich keinen einzigen Premier mehr. Natürlich zelebriere ich ältere Flaschen von Lafite, Latour, Margaux und Co., die ich damals noch relativ günstig kaufen konnte, bei Degustationen oder ab und zu auch bei privaten Einladungen. Es muss aber nicht immer Kaviar sein. Ich esse beispielsweise auch nur widerwillig eines dieser langweiligen, meist schwammigen, nahezu aromenlosen Rinderfilets – egal von welchem gehätschelten Tier es stammen mag. Viel lieber mag ich ein wesentlich günstigeres Hohrückensteak. Mein Metzger muss mir dann jeweils ein ganz großes Stück mindestens vier Wochen lang lagern. Dann darf er dieses in nicht zu kleine Steaks schneiden, einzeln vakuumieren und einfrieren. Habe ich spontane Lust auf so ein charaktervolles, geschmacklich intensives Hohrückensteak, dann taue ich es ein paar Stunden zuvor in kaltem Wasser auf und brate es kurz und kräftig an. Dazu gönne ich mir nicht selten einen Cru Bourgeois. Beispielsweise einen 2001er Cambon la Pelouse, einen 2002er d’Agassac oder einen 2003er Rollan de By. Und dabei habe ich dann keinen Moment lang das Gefühl, zu den Menschen zweiter Klasse zu gehören.
von René Gabriel
aus Falstaff Nr. 6/2011
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