Am Kork geschraubt
Der Schweizer René Gabriel zählt zu den profiliertesten Weinkennern Europas. Mit spitzer Feder kommentiert er die humorvollen Facetten der Weinwelt
Die Diskussionen rund um den Drehverschluss sind eine »verkorkste Sache«. Es vergeht kein Monat, an dem ich nicht von einem Weinsammler, Händler, Journalisten oder Winzer darauf angesprochen werde. Meist endet die Diskussion mit der ganz persönlichen Frage: »Sind Sie dafür oder dagegen?« Gegenfrage: »Wer hat’s erfunden?« Bereits vor mehr als 20 Jahren begannen Westschweizer Winzer, ihre teuersten Weine mit einem Drehverschluss zu versetzen. Ja, die teuersten. Es war diesen Weinbauern egal, wenn ihre günstigen Weine korkten. Damals war eine vollständige Rücknahmegarantie für korkige Weine noch Pflicht.
Neuseeland verwendet fast ausschließlich Schraubverschluss
Auf einem Neuseeland-Trip fragte ich dort die Winzer, weshalb fast 100 Prozent aller Weine in diesem Land mit dem Schraubverschluss abgefüllt werden. »Wissen Sie, die Korken kommen auf dem Schiffsweg aus Portugal, und bevor diese dann bei uns ankommen würden, sind die besseren Qualitäten längst in Australien hängen geblieben.«
Auch in Europa setzen immer mehr Winzer auf die Schraubvariante
In Europa verbreitet sich der Schraubverschluss schon ziemlich rasant bei den günstigen, respektive den schnell zu trinkenden Weinen – mehr bei den Weißen, noch etwas weniger bei den Roten. Aber die Entwicklung zeigt eine klare Tendenz. Und ich bin mir sicher, es geht mit dem Schraubverschluss heroisch aufwärts. In den Diskussionen kommt immer wieder die Behauptung auf, dass ein Naturkork bei der Alterung gegenüber allen anderen Verschlüssen wesentliche Vorteile mit sich bringe.
Theorie zugunsten des Korks widerlegt
Diese Theorie wird nun in einer Analyse von Monika Christmann (Professorin an der Forschungsanstalt Geisenheim) widerlegt. Sie fordert demonstrativ: »Hört endlich auf mit dem Kork!« Im Hals einer Weinflasche hätte Kork nichts mehr zu suchen. »Ein einwandfreier Naturkork atmet nicht«, schreibt Christmann, »sondern er dichtet zu 100 Prozent ab.« Somit benötige ein Wein für die Reife keinerlei Sauerstoff von außen. Das bisschen Luft, das sich mit dem Wein im Glas befinde, reiche dafür völlig aus. Ihre Quintessenz ist also: »Her mit dem Drehverschluss!«
Alternativen
Gibt es möglicherweise noch andere, bessere Alternativen zu Korken und Drehverschluss? Ja, gibt es. Vieles wurde probiert: von Bröselkorken über synthetischen Korken bis zum Glasverschluss. In der Verwendung jedoch stagnieren diese Systeme oder sind bereits wieder rückläufig. Der Drehverschluss hingegen ist deutlich und unaufhaltsam auf dem Vormarsch.
Kundenentscheidung
Lustig wird es, wenn der Konsument selbst entscheiden muss. Im Jahr 2005 präsentierte das Team von Penfolds einen neuen Icon-Wein, den 2004 Block 42 Cabernet Sauvignon, weltweit als Fassprobe. Diesen Wein konnte man – genauso wie die berühmten Bordeauxweine – in Subskription bestellen und sofort bezahlen. Pikantes Detail: Man musste bei der Bestellung angeben, ob man den Wein dann bei der Auslieferung im Jahr 2007 mit Schraubverschluss oder mit Naturkorken geliefert haben wollte. Das Resultat erstaunte, denn fast die Hälfte der Kunden entschied sich bei diesem sehr teuren Wein für den Schraubverschluss.
Fragt man angefressene Weinsammler nach deren Meinung, so höre ich meist ein 100-prozentiges Pro-Korken. Geht man durch deren Weinkeller, so sieht man oft ein paar besonders honorige Großflaschen, die im Hals mit einem Korken versehen sind. Darüber klebt seit Jahrzehnten eine völlig luftabdichtende Wachs-, respektive Siegelschicht. Hier vereinen sich zwei Ansichten, die sich völlig widersprechen.
Gabriels Präferenz
Meine ganz persönliche Ansicht zum Thema: Bei günstigen Weinen ist es mir schon lange egal. Wenn ich einen ganz großen, legendären Wein öffne und zelebriere, dann bestehe ich auf einem Naturkork. Aber leider kommt es immer wieder vor, dass eine ganz besondere Flasche korkt. In diesem Fall bin ich dann natürlich sofort für den Schraubverschluss.
von René Gabriel
aus Falstaff 05/2010



